Rhein-neckar-indushistory- Wiki

Emil Julius Gumbel (geboren am 18. Juli 1891 in München; gest. am 10. September 1966 in New York City) war ein Mathematiker (und auch politischer Publizist). Die NS-Herrschaft erzwang sein Exil. Eine von ihm angestrebte Rehabilitation nach dem Krieg fand nicht mehr statt.

Familie[]

Emil Julius Gumbel war Sohn von Hermann und Flora Gumbel. Sein Großvater war Isaak Gumbel (15. Dezember 1823 in Stein am Kocher - 15. Januar 1891 in Heilbronn)∞ Güta, geborene Stern (15. Januar 1829, - 16. September 1897 in Heilbronn). Er heiratete 1930 Marieluise, geborene von Czettritz, geschiedene Solscher (1891/92 in Hau - 1952 in New York City).(1)

Mehr zum Konflikt, der Verfolgung durch die Nazis[]

Als Gumbel 1930 vom badischen Kultusministerium zum außerordentlichen Professor ernannt wurde, kam es in Heidelberg zu Krawallen rechtskonservativer und Nazi-Studenten. Doch noch hatte man nichts gegen ihn in der Hand.

Als Gumbel auf einer internen Sitzung einer sozialistischen Studentengruppe in Erinnerung an die Hungertoten des Kohlrübenwinters 1917 davon sprach, dass eine Kohlrübe sich besser als Kriegerdenkmal eigne als eine leicht bekleidete Jungfrau, wurde ihm die Lehrberechtigung entzogen.

Nach der Machtübernahme der Nazis 1933 wurde gegen Gumbel ein Haftbefehl erlassen, sein Haus in der Beethovenstraße beschlagnahmt, sein Geldvermögen eingezogen.

Er floh/emigrierte erst nach Frankreich, wo er unterrichten konnte, dann in die USA. Dort starb er 1966 mit 75 Jahren – ohne je Heidelberg wiedergesehen zu haben. Die Universität hatte seine Wiedereinsetzung abgelehnt!


Leben[]

Nach dem Abitur 1910 am Wilhelmsgymnasium München studierte Gumbel in München Nationalökonomie und promovierte am 28. Juli 1914 zum Dr.oec.publ. mit der Arbeit Über die Interpolation des Bevölkerungszustandes.(2) Wenige Tage später meldete er sich als Kriegsfreiwilliger, doch die reale Erfahrung des Krieges machte ihn bald zum Pazifisten. Unter einem Vorwand ließ sich Gumbel im Frühjahr 1915 vom Kriegsdienst freistellen. Im Herbst 1915 trat er dem pazifistischen Bund Neues Vaterland bei, der sich 1922 in Deutsche Liga für Menschenrechte umbenannte. Bis zum Kriegsende arbeitete er bei der Flugzeugmeisterei am Flugplatz Johannisthal, danach, unterstützt durch Georg Graf von Arco vom Bund Neues Vaterland bei Telefunken. Nebenbei betätigte er sich politisch. Er war 1917 der USPD beigetreten, mit deren (nach einer ersten Abspaltung des linken Flügels im Jahr 1920) verbliebenen Mehrheit er 1922 in die SPD wechselte.(2)

Zu einem Thema wurden die zahlreichen politischen Morde in den Wirren der Nachkriegszeit. In zwei Publikationen wies er mit statistischen Methoden die Einäugigkeit der Justiz in der Weimarer Republik nach, die Mörder aus dem linken Lager mit äußerster Strenge, Mörder aus dem rechten Lager aber mit großer Nachsicht behandelte und viele Morde dabei gänzlich ungesühnt ließ. Als Statistiker ließ er dabei Zahlen für seine These sprechen. Trotzdem erreichten seine Publikationen recht hohe Auflagen und führten sogar zu einem parlamentarischen Untersuchungsausschuss im Preußischen Landtag, nachdem die Ergebnisse von Gumbels Buch Vier Jahre politischer Mord in einer vom Reichsjustizminister Gustav Radbruch in Auftrag gegebenen Studie bestätigt wurden. Wohl infolge der Analysen politischer Morde wurde Gumbel auch ein Fachmann für nationalistische Geheimorganisationen, die sich aus den Freikorps entwickelten, und für viele Morde aus dem rechten Spektrum verantwortlich waren. Insbesondere Fememorde waren durch diese Organisationen zeitweise an der Tagesordnung.

Vor allem aber betätigte er sich parteipolitisch relativ unabhängig als Pazifist auch auf internationaler Ebene.

1923 habilitierte er sich für Statistik an der Universität Heidelberg. Seine Antrittsvorlesung am 20.1.1923 stand unter dem Titel „Sinn und Abgrenzung der statistischen Gesetze". In seinen Büchern Verschwörer (1924) und Verräter verfallen der Feme (1929; der Titel ist ein Zitat aus dem Statut der rechtsradikalen Organisation Consul) analysierte er deren Strukturen und machte auch auf die sog. Schwarze Reichswehr aufmerksam. Dies brachte ihm Prozesse wegen Landesverrats ein, die wie die meisten derartigen Prozesse in der Zeit im Sande verliefen und wohl vor allem dazu dienten, missliebige Journalisten und Autoren unter Druck zu setzen.

Obwohl als politischer Aktivist in der mehrheitlich konservativ-monarchistischen Professorenschaft bereits heftig umstritten, wurde Gumbel 1923 in Heidelberg habilitiert. Gumbel war zuerst Privatdozent, dann ab 1930 außerordentlicher Professor für mathematische Statistik an der Universität Heidelberg. Nebenbei hielt er vor allem seine pazifistischen Aktivitäten aufrecht. Als er 1924 auf einer Veranstaltung der Deutschen Friedensgesellschaft zum zehnten Jahrestag des Kriegsausbruchs im größten Saal der Stadt das Schlachtfeld als Feld der Unehre erwähnte, suspendierte ihn die Universität. Die Universität musste im August 1924 die Suspendierung jedoch widerstrebend wieder aufheben, da Gumbel hier und auch später einen gewissen Schutz durch die von der liberalen DDP gestellten badischen Kultusminister genoss. Insbesondere für die mehr und mehr nationalsozialistisch dominierte Studentenschaft war Gumbel ein rotes Tuch. Bei der Anfrage zur anstehenden Professorenernennung gaben 1929 gegen ihre Fakultät Emil Lederer und Karl Jaspers positive Voten ab. Im Anschluss an seine Ernennung zum außerordentlichen Professor 1930 kam es bei den so genannten Gumbelkrawallen im Wintersemester 1930/1931 zu einer Universitätsbesetzung durch nationalsozialistische Studenten und zur polizeilichen Räumung der Universität. Als Gumbel auf einer internen Sitzung der Heidelberger Sozialistischen Studentenschaft in Erinnerung an die Hungertoten des Kohlrübenwinters 1917/18 davon sprach, dass eine Kohlrübe sich besser als Kriegerdenkmal eigne als eine leichtbekleidete Jungfrau, wurde ihm im Sommer 1932 die Lehrberechtigung entzogen. Er befand sich seit Anfang 1932 auf einer Reise in die UdSSR. Am 15. Juni kam es zu Einleitung eines 3. Disziplinarverfahrens durch die Universitätsspitze das mit der Entziehung der Lehrberechtigung am 5. August endete. Im August/September 1932 folgte eine USA-Reise Gumbels und im Wintersemester 1932/1933 Gastvorlesungen am Institut Henri Poincaré in Paris.

Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme ging Gumbel ins französische Exil. Denn sein Name wurde 1933 bereits in der ersten veröffentlichten Ausbürgerungsliste des nun nationalsozialistischen Deutschen Reichs aufgeführt. Ihm wurde damit die deutsche Staatsangehörigkeit aberkannt.(5) Während in Heidelberg seine Wohnung geplündert und seine Schriften verbrannt wurden, engagierte er sich publizistisch weiter gegen den Nationalsozialismus in Deutschland und unterstützte aus Deutschland nachkommende Emigranten. Er blieb in Frankreich und las nach Paris in Straßburg. 1934 – 1940 konnte er an der Universität Lyon als Gastprofessor arbeiten. Mit dem Einmarsch der deutschen Truppen in Frankreich musste Gumbel 1940 in die USA emigrieren. In den 1950er und 1960er Jahren kehrte er zu einigen Gastaufenthalten nach Deutschland zurück. "Seine" Universität verweigerte ihm 46 Jahre lang die Rehabilitation. Nach dem Krieg erhielt er seine Lehrbefähigung nicht zurück. Er starb 1966 in den USA. Erst 1991 führte die Universität Heidelberg ihm zu Ehren ein Colloquium durch.

Neben seinen Büchern publizierte er öfter in der Kulturzeitschrift Die Weltbühne und war Übersetzer und Herausgeber von Schriften Bertrand Russells. Als Mathematiker erwarb er sich einen Ruf als Fachmann für Statistik und war maßgeblich an der Entwicklung der Extremwerttheorie beteiligt, über die er Statistics of Extremes, sein mathematisches Hauptwerk, verfasste. Nach ihm ist die Gumbel-Verteilung benannt.

Wohnung in HD[]

Werke (Auswahl)[]

  • Die Berechnung des Bevölkerungsstandes durch Interpolation (Dissertation, München, 1916)
  • Vier Jahre Lüge. Berlin: Verlag Neues Vaterland, 1919.
  • Statistik der politischen Morde. In: Deutsches Statistisches Zentralblatt. - Nr. 3 (1921), S. 47-50
  • Vier Jahre politischer Mord. Berlin: Malik Verlag, 1922.
  • Vier Jahre politischer Mord. Verlag der neuen Gesellschaft, Berlin-Fichtenau 1922 (online).
  • Übersetzung von Bertrand Russell: Einführung in die mathematische Philosophie. 1923
  • (Hrsg.) Die Denkschrift des Reichsjustizministers über „Vier Jahre politischer Mord“. Malik Verlag, Berlin 1924.
  • Verschwörer - Beiträge zur Geschichte und Soziologie der deutschen nationalistischen Geheimbünde seit 1918. Malik Verlag, Wien 1924.
  • Untersuchungen zur Theorie der Sterbetafeln. Innsbruck, 1924.
  • Vom Rußland der Gegenwart. Berlin: E. Laubsche Verlagsbuchhandlung, 1927 (mit einem Geleitwort von A. Einstein); wieder publiziert in A. Vogt (Hrsg., 1991), S. 82-164.
  • Verräter verfallen der Feme. Berlin: Malik Verlag, 1929.
  • "Lasst Köpfe rollen". Faschistische Morde 1924-1931. Berlin: Verlag Deutsche Liga für Menschenrechte, 1931; wieder publiziert in A. Vogt (Hrsg., 1991), S. 48-80.
  • Statistics of Extremes. Columbia University Press, New York 1958.
  • Vom Fememord zur Reichskanzlei. Verlag Lambert Schneider, Heidelberg, 1962.

Medien[]

Literatur über Gumbel und den Umgang mit ihm[]

  • Arthur D. Brenner: Emil J. Gumbel. Weimar German Pacifist and Professor. Brill, Boston u. a. 2001, ISBN 0-391-04101-0 (Studies in Central European Histories 22).
  • Emil Julius Gumbel. Auf der Suche nach Wahrheit. Hrsg. von Annette Vogt, mit einem Essay (S. 9-45). Berlin: Dietz Verlag, 1991. ISBN 3-320-01664-4.
  • Christian Jansen: Emil Julius Gumbel. Portrait eines Zivilisten. Verlag Das Wunderhorn, Heidelberg 1991, ISBN 3-88423-071-9.
  • Christian Jansen: Die Fremdheit des Weltbürgers im eigenen Land. Leben und Maximen des politisch engagierten Mathematikers Emil Julius Gumbel. In: Eugen Eichhorn, Ernst-Jochen Thiele (Hrsg.): Vorlesungen zum Gedenken an Felix Hausdorff. Heldermann, Berlin 1994, ISBN 3-88538-105-2, S. 213–227 (Berliner Studienreihe zur Mathematik 5).
  • Klemens Wittebur: Die Deutsche Soziologie im Exil. 1933–1945. Eine biographische Kartographie. Lit, Münster u. a. 1991, ISBN 3-88660-737-2, S. 60 f. (Beiträge zur Geschichte der Soziologie 1), (Zugleich: Münster (Westfalen), Univ., Diss., 1989).
  • Eike Wolgast: Die Universität Heidelberg 1386–1986. Springer, Berlin u. a. 1986, ISBN 3-540-16829-X.
  • Benjamin Lahusen: Das rechte Auge. In: Die ZEIT. 9. Februar 2012.

Film[]

  • David Ruf, Drehbuch und Regie: Der Professor aus Heidelberg - E. J. Gumbel. Deutschland, 2019 (Statistik des Verbrechens. Ein Mathematiker kämpft gegen die Nazis. 60 Min. Aufführung in Hd am 22. 7. 19) * [https://www.swr.de/unternehmen/kommunikation/pressedossiers/swrfernsehen-junger-dokumentarfilm-2019-statistik-des-verbrechens-100.html SWR am 19.9.2019, über den Film von D. Ruf ]


2019, Ausstellung zu Emil Julius Gumbel[]

... Nicht exzellent

Gut, dass jetzt ein ausführlicher Leserbrief auf eine leicht zu übersehene Ausstellung in der Alten Universität verweist, die dem Wissenschaftler und Publizisten Emil Julius Gumbel (1891–1966) gewidmet ist. Gut, weil Jörg Sommer Gumbels Bedeutung in der Weimarer Republik würdigt und wichtige biografische Ergänzungen der Nachkriegszeit anmahnt. Diese Wanderausstellung wurde weder in noch für Heidelberg erarbeitet – und steht denn auch eher „außen vor“, also nicht im Universitätsmuseum, sondern in einem zugigen, lauten Gang am Eingang. Vielleicht ein bezeichnender Ort für Gumbel in Heidelberg: Noch immer ge- hört er nicht richtig dazu. Der Sommer- Beitrag spricht von Ansätzen der Wieder- gutmachung, aber zurecht auch von Unter- lassungen und Stillstand. Einige Straßen- züge weiter zeigt das Universitätsarchiv eine eigene kleine Kabinettsausstellung (bis 26.9.) über Gumbel. Sollte es eine Kooperation zwischen den Veranstaltern beider Ausstellungen gegeben haben, so offenbar nicht in der Öffentlichkeitsarbeit. Lediglich die RNZ wies regelmäßig auf beide Ausstellungen hin. So berühmt und bekämpft der politische Gumbel besonders in Heidelberg war, so leise gestaltet sich sein heutiges Gedenken. Von Exzellenz keine Spur. M. K. HD, publ. in der RNZ, 24.9.19

Weblinks[]

eines der den Rechten so verhassten Zitate[]

Ein durchschnittlicher Mord von rechts kostet vier Monate Haft und zwei Reichsmark Geldstrafe.

So errechnet es 1920 mit nüchterner Sachlichkeit der junge Statistiker Gumbel. In akribischer Kleinarbeit hat er Gerichtsakten, Einstellungsbescheide, Zeugenaussagen und Presseberichte zusammengetragen und daraus einen Überblick über die politischen Morde in Deutschland seit der Revolution vom 9. November 1918 aufgestellt: von rechts weit über 300, von links knapp zwei Dutzend. Während selbst geständige Rechtsterroristen gute Chancen auf einen Freispruch haben, erwarten die Täter von links im Normalfall 15 Jahre Freiheitsstrafe oder gleich die Hinrichtung. Anfang 1921 veröffentlicht Gumbel die Ergebnisse seiner Recherche in dem Buch Zwei Jahre Mord.

Die letzte Auflage (Vier Jahre politischer Mord) berichtet 1922 über 354 Morde von rechts und 22 von links. Von den rechten bleiben 326 ungesühnt, von den linken gerade einmal vier; im Falle eines rechten Mordes wird häufig nicht einmal ein Verfahren eröffnet.

Einzelnachweise[]

  1. Die biographischen Angaben zu Marieluise Gumbel sind uneinheitlich. Ihr Vorname taucht in verschiedenen Schreibweisen auf, ebenso ist das Geburtsjahr nicht zweifelsfrei klar. Als Geburtsname erscheinen die Schreibweisen Czettritz oder von Czettritz. Sie war die Tochter des Generalstabsoffiziers Hermann Czettritz (1865-1946) und seiner englischen Frau Mary Page. Sie starb im November 1952 an einem Krebsleiden.
  2. Brenner 2001, S. 6
  3. Jahresbericht vom K. Wilhelms-Gymnasium zu München. ZDB-ID 12448436, 1909/10
  4. Gustav Radbruch: Gesamtausgabe, Band 19: Reichstagsreden; C.F. Müller-Verlag, Heidelberg 1998, ISBN 3-8114-6698-4, S. 182
  5. Benjamin Lahusen: Das rechte Auge. In: Die ZEIT vom 9. Februar 2012.

Siehe auch