Nach einem verlorenen Krieg wurden 1623 aus Heidelberg viele Bücher (damals meistens Handschriften) als Beute in den Vatikan nach Rom abtransportiert: die legendäre Bibliotheca Palatina. Zu ihren Beständen gehören unter vielen anderen das Lorscher Evangeliar aus der Hofschule Karls des Großen, der Codex Manesse (cpg 848) und das Falkenbuch (cpl 1071) von Kaiser Friedrich II. und „Wirsungs Artzney Buch“ aus dem Jahr 1571. Mit der Vereinigung der Buchbestände schuf Ottheinrich zusammen mit der Einführung der Reformation in der Kurpfalz und der Umwandlung der Universität Heidelberg in eine evangelische Landeshochschule ein protestantisches Zentrum der Lehre.
Nach dem Vorbild der Universität Wittenberg stand dort eine umfangreiche Bibliothek zur Verfügung, die aber im Gegensatz zu der in Wittenberg nicht auf dem Schloss, sondern in der Stadt, auf den Emporen der Heidelberger Heiliggeistkirche, Platz fand, wodurch der Zugang für Lehrende und Studenten erleichtert wurde. Nach dem Tode des Augsburgers Ulrich Fugger (1526–1584) gingen 86 weitere zum Teil sehr berühmte Handschriften in den Besitz der Bibliothek über, so die Otfrid-Handschrift (cpl 52) und die Bilderhandschrift des Sachsenspiegels (cpg 164). Mit solch bedeutenden Manuskripten besaß die Bibliotheca Palatina den Charakter einer inoffiziellen Reichsbibliothek.
1986 war in der Heiliggeistkirche eine Ausstellung eines Teils der Bibliotheca Palatina mit einigen wertvollen Leihgaben aus dem Vatikan zum 600-Jahre-Universitäts-Jubiläum zu sehen. Und zwar ganau dort, wo sie einst aufgestellt war. Auf der Empore der Heiliggeistkirche. Mehr als 280 000 Besucher nutzten die Chance, die nur vorübergehend an den Neckar zurückgekehrten Preziosen in Augenschein zu nehmen. Neben den durch Stahl gesicherten Ausstellungsschränken gab es Vorführungen der Kunstfertigkeiten und Materialien der Schreiber (meistens Mönche). Und an Ketten gebundene Bücher in ähnlichen Regalen wie im Mittelalter zu sehen.
Die Anfänge der Uni-Bibliothek reichen 630 Jahren zurück. Bereits seit dem späten 14. Jahrhundert entstanden in Heidelberg mehrere Bibliotheken (meisten von Klöstern oder -reichen- Gelehrten). Daneben besaßen die Kurfürsten im Schloss eine Büchersammlung, aus der Ludwig III. im 15. Jahrhundert Werke in die Stiftsbibliothek zum Heiligen Geist als Dauerleihgabe überführte. Schließlich verlagerte Kurfürst Ottheinrich (1556-1559) die umfangreiche Hofbibliothek vom Schloss in die Kirche. Weitere wertvolle Bücher kamen nach dem Tod von Ulrich Fugger (dem Bankier in Augsburg, gest. 1584) in die Sammlungen der Bibliothek.
Doch wieder einmal kam ein Krieg in die Pfalz. 1623 wurden mehr als 3500 Handschriften und über 12.000 Drucke nach Rom gebracht. Der Grund: Nachdem der Heidelberger Kurfürst, (der Protestant) Friedrich V. von der Pfalz, 1619 für einen Winter die Krone von Böhmen angenommen hatte, erlitt sein Heer am 8. November 1620 am Weißen Berg bei Prag durch die katholische Liga eine Niederlage. Dann wurde die Pfalz von den Truppen der Liga unter Tilly eingeschlossen. Am 24. September 1622 machte Maximilian I. von Bayern die Bibliotheca Palatina dem Papst Gregor XV. zum Geschenk. Im Februar 1623 begann der Abtransport nach Rom. In Ochsenkarren und mit Tragtieren gingen mehrere Hundert Kisten nach München, von dort über die Alpen(**) nach Mailand und über Ferrara und Florenz in den Vatikan (Rom). Im August 1623 kamen sie in der Bibliotheca Apostolica Vaticana an. — (* Mittenwald, Landeck, Samedan, Como *)
Nach dem Wiener Kongress gelang es 1815/16, einen Teil der Bibliothek wieder nach Heidelberg zu bringen. Im Oktober 1815 konnte Friedrich Wilken als Prorektor der Universität Heidelberg 39 Codices in Paris entgegennehmen, und am 13. Mai 1816 wurden 847 deutsche und vier lateinische Handschriften der Palatina – darunter auch der „Sachsenspiegel“ – vom Vatikan nach Heidelberg zurückgebracht. In einer Urkunde vom 16. Mai 1816 teilt Papst Pius VII. dem Prorektor und dem Senat der Universität Heidelberg die Rückgabe der Handschriften mit.
Heute gelten die wieder in der Heidelberger Universitätsbibliothek lagernden 848 „Codices Palatini germanici“ als die bedeutendste deutschsprachige Sammlung mittelalterlicher Handschriften, sie bilden die viertgrößte Sammlung nach Berlin, München und Wien. Enthalten sind etwa der „Codex Manesse“ – die Große Heidelberger Liederhandschrift –, der „Sachsenspiegel“, die älteste und einzige vollständige Überlieferung des „Rolandsliedes“ oder auch die „Evangelienharmonie“ Otfrieds von Weißenburg.
Erst Hunderte Jahre später: Seit 2021 sind alle 848 deutschsprachigen, 2030 lateinischen, 423 griechischen, 267 hebräischen und 20 Handschriften in weiteren Sprachen wiedervereint. Zwar nur virtuell
Zusammenfassung zum Wikipedia-Artikel[]
Die Bibliotheca Palatina in Heidelberg war eine der wichtigsten deutschen Bibliotheken der Renaissance mit umfangreichen Beständen an mittelalterlichen Handschriften und frühen Drucken (Inkunabeln oder Wiegendrucken). Die alten Bestände befinden sich auch heute zum größten Teil in der Vatikanischen Apostolischen Bibliothek, die deutschen Handschriften in der Universitätsbibliothek Heidelberg.
(ab hier nach Wikipedia.de)
Geschichte[]
Auf Kurfürst Ludwig III. von der Pfalz (reg. 1410–1436) geht die Gründung der Stiftsbibliothek an der Heiliggeistkirche in Heidelberg zurück, die den Kern der späteren Bibliotheca Palatina bildete. Aber erst Kurfürst Ottheinrich (reg. 1556–1559) vereinigte die Buchbestände der Universität, der Stiftsbibliothek in der Heiliggeistkirche und der Schlossbibliothek der Kurfürsten von der Pfalz zur eigentlichen Bibliotheca Palatina. Unter den Beständen befanden sich unter anderem das Lorscher Evangeliar aus der Hofschule Karls des Großen, der Codex Manesse (cpg 848) und das Falkenbuch (cpl 1071) von Kaiser Friedrich II. Mit der Vereinigung der Buchbestände schuf Ottheinrich zusammen mit der Einführung der Reformation in der Kurpfalz und der Umwandlung der Universität Heidelberg in eine evangelische Landeshochschule ein protestantisches Zentrum der Lehre. Nach dem Vorbild der Universität Wittenberg stand eine umfangreiche Bibliothek zur Verfügung, die aber im Gegensatz zu der Wittenbergs nicht auf dem Schloss, sondern in der Stadt, in den Emporen der Heidelberger Heiliggeistkirche, Platz fand, wodurch der Zugang für Lehrende und Studenten erleichtert wurde. Nach dem Tode des Augsburgers Ulrich Fugger (1526–1584) gingen 86 weitere zum Teil sehr berühmte Handschriften in den Besitz der Bibliothek über, so die Otfrid-Handschrift (cpl 52) und die Bilderhandschrift des Sachsenspiegels (cpg 164). Mit solch bedeutenden Manuskripten besaß die Bibliotheca Palatina den Charakter einer Reichsbibliothek und galt zur Zeit ihrer Blüte – nach den Erwerbungen des 16. Jahrhunderts – als die „Mutter aller Bibliotheken“.
Besonders wegen der umfangreichen Sammlung theologischer (überwiegend protestantischer) Literatur galt sie den Katholiken als der Hort der Ketzerei. Als im August 1622 die Kurpfalz von Truppen der katholischen Liga unter Johann t’Serclaes von Tilly erobert worden war, wollte der bayerische Herzog Maximilian I. die berühmte Bibliothek nach München mitnehmen, musste sie aber Papst Gregor XV. auf dessen ausdrücklichen Wunsch hin überlassen. Nur die Ottheinrich-Bibel und ein Prachtchorbuch Ottheinrichs gelangten nach München. Ab Dezember 1622 wurde der Abtransport nach Rom durch den päpstlichen Gesandten und späteren Bibliothekar der Vaticana, Leone Allacci (1586–1669) organisiert. Auch ausgesuchte Bücher anderer Heidelberger Bibliotheken, so der Privatbibliothek des Kurfürsten, der Universitätsbibliothek, der kurfürstlichen Kanzlei und der Privatbibliothek von Jan Gruter, dem letzten Bibliothekar der Palatina, wurden mitgenommen und auf dem Rücken von 200 Mauleseln über die Alpenpässe nach Italien transportiert.
Im August 1623 übernahm die Bibliotheca Apostolica Vaticana 184 Kisten mit 3.500 Handschriften und 12.000 Drucken, die zur Gewichtsverminderung großteils ihrer Einbände beraubt worden waren (Allacci behielt 12 weitere Kisten für sich). Sie wurden im weiteren Verlauf des 17. Jahrhunderts neu eingebunden. Da schon Ottheinrich viele seiner Bücher hatte neu einbinden lassen, sind heute kaum Einbände von vor 1550 in der Palatina zu finden.
Aufgrund von Vereinbarungen während des Wiener Kongresses konnten 1816 die deutschen Handschriften in die Universitätsbibliothek Heidelberg zurückkehren. Sämtliche Drucke und die fremdsprachigen Manuskripte liegen noch heute in Rom. Die deutschsprachigen mittelalterlichen Handschriften (Codices Palatini Germanici) bilden heute eine verhältnismäßig geschlossene und literaturhistorisch bedeutende Sammlung.
Nur wenige hundert Bände, die wohl als Dubletten angesehen worden waren, verblieben in Deutschland. Dort fanden sie den Weg in verschiedene Bibliotheken. Im Jahr 1998 wurden in der Universitäts- und Stadtbibliothek Köln 67 Bände der Bibliotheca Palatina entdeckt. Der Rest wird auch heute noch im Vatikan aufbewahrt. Zum 600. Gründungsjubiläum der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg 1986 kamen viele Bücher für eine einmalige Ausstellung an ihren alten Standort zurück.
Historische Verzeichnisse[]
Die Bibliothek in der Heidelberger Heiliggeistkirche wurde 1581 katalogisiert. Vor dem Transport über die Alpen nummerierte Allacci die Codicii für sein eigenes Verzeichnis und vergab eine Capsanummer, die die jeweilige Transportkiste bezeichnete. Beispielsweise vergab Allacci für die Tagzeiten (cpg 440) aus dem Frankenthaler Skriptorium die Nummer „1328“ und die Capsanummer „C 169“, die die 169. Transportkiste bezeichnete. „C 169“ und „1328“ wurden hier in Tinte auf dem Buchdeckel notiert.
Bekannte Buch-Titel aus der entf. Palatina (vgl. Wikipedia)[]
- Das Lorscher Evangeliar aus der Hofschule Karls des Großen
- Der Codex Manesse (oder Codex Palatinus Germanicus (cpg) 848)
- Das Falkenbuch (Codex Palatini latinus (cpl) 1071) von Kaiser Friedrich II.
- Die Ottheinrich-Bibel
- Die Otfrid-Handschrift (cpl 52)
- Der Sachsenspiegel (cpg 164)
Digitalisierung[]
Zwischen 2010 und 2019 betrieb die Unibibliothek Heidelberg in den Räumen der Vatikanischen Bibliothek sogar ein eigenes Studio, in dem die dortigen kostbaren Drucke Seite für Seite digitalisiert wurden.
Die deutschen Handschriften der Bibliotheca Palatina wurden bis 2009 komplett digitalisiert und online verfügbar gemacht. Die Drucke stehen in Deutschland bereits seit 1996 als Mikrofiches zur Verfügung. In Kooperation mit dem Vatikan und gefördert von der Manfred-Lautenschläger-Stiftung werden seit 2012 auch die lateinischen Codices der ehemals Pfalzgräflichen Bibliothek, die sich seit damals in der Biblioteca Apostolica Vaticana befinden, digitalisiert.
Kataloge[]
- Leonard Boyle (Hrsg.): Bibliotheca Palatina, Druckschriften, Microfiche-Ausgabe, München 1989–1995, (Gesamtwerk), (Index)
- Elmar Mittler (Hrsg.): Bibliotheca Palatina, Druckschriften, Katalog zur Mikrofiche-Ausgabe, Band 1–4, München 1999,
- Enrico Stevenson: Inventario dei libri stampati palatino-vaticani, ed. per ordine di S.S. Leone XIII P.M., 4 Bände, Rom 1886–1891
- Enrico Stevenson: Codices manuscripti Palatini Graeci Bibliothecae Vaticanae descripti praeside I. B. Cardinali Pitra episcopo Portuensi S. R. E. bibliotecario, Rom 1885
- Enrico Stevenson: Codices Palatini Latini Bibliothecae Vaticanae descripti praeside I. B. Cardinali Pitra episcopo Port. S. R. E. bibliothecario, Rom 1886
- Die medizinischen Handschriften der Codices Palatini Latini in der Vatikanischen Bibliothek, beschrieben von Ludwig Schuba, Wiesbaden 1981, Dr. Ludwig Reichert Verlag (Kataloge der Universitätsbibliothek Heidelberg 1),
- Die Quadriviums-Handschriften der Codices Palatini Latini in der Vatikanischen Bibliothek, beschrieben von Ludwig Schuba, Wiesbaden 1992, Dr. Ludwig Reichert Verlag (Kataloge der Universitätsbibliothek Heidelberg 2),
- Die historischen und philosophischen Handschriften der Codices Palatini Latini in der Vatikanischen Bibliothek (Cod. Pal. Lat. 921–1078), beschrieben von Dorothea Walz, Wiesbaden 1999, Dr. Ludwig Reichert Verlag (Kataloge der Universitätsbibliothek Heidelberg 3),
- Die humanistischen, Triviums- und Reformationshandschriften der Codices Palatini latini in der Vatikanischen Bibliothek (Cod. Pal. Lat. 1461–1914), beschrieben von Wolfgang Metzger, Wiesbaden 2002, Dr. Ludwig Reichert Verlag (Kataloge der Universitätsbibliothek Heidelberg 4),
- zu den Katalogen der deutschen Handschriften siehe Codex Palatinus Germanicus (cpg)
Zeitungsartikel[]
- Heribert Vogt: Begleiter durch die Wirren der Geschichte - 630 Jahre Universität Heidelberg – Reiche und dramatische Entwicklung der Bibliotheken – Aktuelle Jubiläen. In: RNZ vom 26. September 2016, Seite 10
zum „Falkenbuch“ von Kaiser Friedrich II.[]
- Manfred Bechtel: Ein Vorgänger moderner Vogelkunde. (Kaiser Friedrich II. und sein „Falkenbuch“ waren Thema bei einem Workshop in der Heiliggeistkirche – Hier hatte das Buch mal seinen Platz.)
- Bild Hans-Martin Gäng, Pfarrer Vincenzo Petracca, Tobias Bulang und Michael Wink (v.l.) beim Falkenbuch-Workshop 2023 in der Heiliggeistkirche mit dem Faksimile der Handschrift. Foto: Bechtel
- Zu einem Workshop über das berühmte „Falkenbuch“ des Staufer Friedrich II. (1194 - 1250) in der Rhein-Neckar Zeitung | Heidelberger Nachrichten | Donnerstag, 13. Juli 2023, Seite 5.
Literatur[]
- Boyle, Leonard (Hrsg.): Bibliotheca Palatina, Druckschriften, Microfiche Ausgabe. München 1989-1995
- Mittler, Elmar (Hrsg.): Bibliotheca Palatina, Druckschriften, Katalog zur Mikrofiche-Ausgabe, Band 1-4. München 1999
- Enrico Stevenson: Inventario dei libri stampati palatino-vaticani, ed. per ordine di S.S. Leone XIII P.M., 4 Bände. Rom 1886-1891
- Stevenson, Enrico: Codices manuscripti Palatini Graeci Bibliothecae Vaticanae descripti praeside I. B. Cardinali Pitra episcopo Portuensi S. R. E. bibliotecario. Rom 1885
- Stevenson, Enrico: Codices Palatini Latini Bibliothecae Vaticanae descripti praeside I. B. Cardinali Pitra episcopo Port. S. R. E. bibliothecario. Rom 1886
- Schuba: Die medizinischen Handschriften der Codices Palatini Latini in der Vatikanischen Bibliothek, beschrieben von Ludwig Schuba. (Kataloge der Universitätsbibliothek Heidelberg 1). Wiesbaden 1981
- Schuba: Die Quadriviums-Handschriften der Codices Palatini Latini in der Vatikanischen Bibliothek, beschrieben von Ludwig Schuba. (Kataloge der Universitätsbibliothek Heidelberg 2). Wiesbaden 1992
- Walz: Die historischen und philosophischen Handschriften der Codices Palatini Latini in der Vatikanischen Bibliothek (Cod. Pal. Lat. 921 - 1078), beschrieben von Dorothea Walz. (Kataloge der Universitätsbibliothek Heidelberg 3). Wiesbaden 1999
- Metzger: Die humanistischen, Triviums- und Reformationshandschriften der Codices Palatini latini in der Vatikanischen Bibliothek (Cod. Pal. Lat. 1461 - 1914), beschrieben von Wolfgang Metzger. (Kataloge der Universitätsbibliothek Heidelberg 4). Wiesbaden 2002
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